Artikel Badische Zeitung 17. September 2025
In Kreis Emmendingen liegt die Zahl für Krankenhausaufenthalte wegen Prostatakrebs um bis zu 56 Prozent über dem Landesschnitt. Hier wird eine besondere Behandlung angeboten.
Herr Carl, im Kreis Emmendingen sind die Zahlen für Prostatakrebsbehandlungen besonders hoch. Woran liegt das?
Wir haben am Kreiskrankenhaus Emmendingen ein Zentrum für LDR-Brachytherapie. Dort werden Patienten mit Prostatakarzinomen behandelt, indem wir kleine radioaktive Körnchen in die Prostata einbringen, die den Krebs von innen abtöten, sodass die Prostata nicht entfernt werden muss.
In Ihrer Praxis? Die Patienten stellen sich zunächst in unserer Praxis vor. Die Behandlung führen wir als Belegärzte im Kreiskrankenhaus Emmendingen durch. Für dieses spezielle Operationsverfahren haben wir das Zentrum für Brachytherapie Südwest gegründet. Seit 2007 kommen natürlich auch viele Patienten von außerhalb, die wir dann entsprechend behandeln. Unsere Patienten kommen fast aus ganz Deutschland – aus Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, dem Saarland, Rheinland-Pfalz und sogar aus Bremen. Deutschlandweit gibt es nur fünf solche Zentren: in Köln, Hamburg, München, Berlin und Emmendingen.Wir sind aktuell das zweitgrößte Zentrum bundesweit, was die Fallzahlen betrifft.
Wie viele Patienten behandeln Sie? Wir behandeln jährlich zwischen 80 und 100 Patienten.
Ist diese Behandlungsmethode nur in einem frühen Stadium einsetzbar? Nein. Es gibt inzwischen neue Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Urologie, die erst im Juli dieses Jahres veröffentlicht wurden. Darin ist festgelegt, dass dieses Verfahren mit den radioaktiven Körnchen bei niedrig- bismittelaggressiven Prostatakarzinomen den Patienten sogar vorgeschlagen werden sollte oder muss. Auch bei höhergradigen, aggressiveren Tumorstadien kann die Brachytherapie inKombination mit einer inneren und äußeren Bestrahlung angeboten werden. Dieses Verfahren ist von den Krankenkassen anerkannt und wird erstattet.
Bedeutet das, dass es künftig weitere Behandlungszentren geben muss, oder reicht das bisherige Angebot aus? Zurzeit sind wir gut ausgelastet, das stimmt. Aber wir könnten die Frequenz der Eingriffe erhöhen und die Behandlung somit noch öfter durchführen. Personell und organisatorisch hätten wir dafür die Kapazitäten.
Im Gesundheitsatlas Baden-Württemberg sieht man, dass in Emmendingen alle zwei Jahre ein Ausschlag der Fallzahlen nach oben erfolgt. Wie kommt der zustande? Unsere Zahlen sind jährlich stabil. Wahrscheinlich werden die Daten nur alle zwei Jahre gemeldet oder nicht regelmäßig weitergegeben. Der Atlas ist noch relativ neu und daher nicht ganz verlässlich.
Die gute Nachricht ist also: Die Männer im Kreis Emmendingen müssen sich keine Sorgen machen, dass ihre Prostata gefährdeter wäre als etwa in Freiburg. Um Himmels willen, nein! Natürlich behandeln wir mehr Patienten mit der Brachytherapie
als beispielsweise in Freiburg. Dort wird sie nicht in diesem Umfang durchgeführt. Dadurch entsteht ein statistischer Bias, weil viele Patienten von
außerhalb zu uns kommen. Ich würde schätzen, dass inzwischen fast 60 Prozent der Patienten, die in der Statistik auftauchen, weder aus dem Landkreis noch aus Baden-Württemberg stammen, sondern aus dem weiteren Umland. Das liegt einfach daran, dass es ein sehr gutes Verfahren ist.
Interview von Philipp Peters
Stefan Carl, 61, ist Urologe. Er hat Medizin in Heidelberg, Montpellier und Lausanne studiert. Seit 2001 ist er als niedergelassener Urologe tätig. 2007 gründete er zusammen mit Johannes Andreas und Michael Meilinger das Zentrum für Brachytherapie Südwest am Kreiskrankenhaus Emmendingen.

